Geschichte der "Euthansie"- Anstalt Bernburg

Im Verlaufe des Sommers 1940 besichtigten mehrere Herren aus Berlin im „Führerauftrag“ die psychiatrische Landes-Heil- und Pflegeanstalt Bernburg bei Magdeburg. Hintergrund dieses Besuches war die organisierte massenhafte Ermordung von Menschen, die auf Grund von Krankheit oder Alter betreuungs- und pflegebedürftig waren- die „Euthanasie“. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges hatte sich auch der Schwerpunkt der Gesundheitspolitik des NS- Regimes weiter verlagert. Die Bündelung aller verfügbaren Ressourcen bedeutete nun einerseits den Einsatz modernster Therapien zur Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit, andererseits die tödliche Ausgrenzung von Langzeitkranken und Unheilbaren. Beide Wege sollten zu einer Ersparung von Kosten führen und den absehbar benötigten Lazarettraum für die Wehrmacht schaffen.

Vor diesem Hintergrund wurden 1940/41 nacheinander sechs Gasmordanstalten für die Durchführung der „Euthanasie“ eingerichtet, eine davon in Bernburg. Hier traf im Oktober 1940 zuerst eine kleine Gruppe von Handwerkern ein, dann weiteres Personal. Im Keller wurde ein kleiner Raum von knapp 14 m² an den Wänden und auf dem Fußboden gekachelt, sowie mit einem Sichtfenster versehen. Am 21. November 1940 traf der erste Transport mit 25 Kranken und Behinderten aus Neuruppin ein. In der Folgezeit kamen die Transporte aus einem Gebiet, dass flächemäßig fast einem Viertel des damaligen Deutschen Reiches entsprach.

Nach ihrer Ankunft wurden die Patienten in das Erdgeschoß des Tötungsgebäudes gebracht. Nach der Entkleidung wurden die Kranken einem Arzt vorgestellt, der über eine fingierte Todesursache entschied, die in der Sterbeurkunde angegeben wurde. In Gruppen von 60 bis 75 Menschen führte das Personal die Kranken in den Keller und dort in die Gaskammer. In dem kleinen Raum mit einer Grundfläche von 13,78m² standen die Menschen dicht gedrängt. Drei bis fünf Minuten lang strömte Kohlemonoxid- Gas ein, bis eine tödliche Konzentration erreicht war. Die Gaskammer blieb etwa eine Stunde lang verschlossen. Bevor der Raum wieder geöffnet wurde, saugte eine Entlüftungsanlage das Luft-Gas-Gemisch ab. Danach begannen die Leichenbrenner die Körper aus der Gaskammer zu tragen. Einige der Toten wurden seziert, die anderen gleich im benachbarten Krematorium verbrannt.

Am 24. August 1941 erfolgte der Stopp für die „Euthanasie“ in den Gasmordanstalten, auch in Bernburg. Bis zu diesem Zeitpunkt starben allein in der Gaskammer der „Euthanasie“- Anstalt Bernburg mehr als 9.000 kranke, behinderte und fürsorgebedürftige Menschen einen gewaltsamen Tod.

Von 1941 bis 1943 wurde in der Gasmordanstalt Bernburg noch die sogenannte „Sonderbehandlung 14f13“ durchgeführt, in deren Verlauf etwa 5000 Häftlinge aus sechs Konzentrationslagern den Tod fanden, die meisten von ihnen Juden, aber auch Zeugen Jehovas und sog. Asoziale. Zu diesem Zeitpunkt war das Personal der „Euthanasie“- Anstalt zahlenmäßig schon stark reduziert. Etliche der technischen Kräfte hatten ihre Versetzung in das damalige Generalgouvernement Polen, Distrikt Lublin, wo sie gemeinsam mit Personal aus anderen „Euthanasie“- Anstalten eine maßgebliche Rolle in den Vernichtungslagern Treblinka, Sobibor und Belzec spielten. Im Verlaufe der Monate Mai und Juni 1943 wurde das letzte Personal abgezogen und die „Euthanasie“- Anstalt Bernburg aufgelöst. Die technische Anlagen blieben voll funktionsfähig vor Ort.

Nach dem Ende des Krieges begann auch in Bernburg eine Untersuchung der Tötungsanstalten, initiiert durch die amerikanischen Besatzungstruppen. Vier Monate nach dem Wechsel der Besatzungsmacht wurden die kriminalpolizeilichen Untersuche auf Verlangen der sowjetischen Militärbehörde vor Ort eingestellt. Ebenso fand der ursprünglich für November 1945 vorgesehene Strafprozess gegen die Verantwortlichen der Mordaktion nicht mehr statt.